Anlaufstelle Pro Sinti&Roma gedachte der Opfer des Nationalsozialismus
01.02.2021 |
Antiziganismus damals und heute - Ein Rückblick
Am Abend des 27.01.21 veranstaltete die Anlaufstelle Pro Sinti&Roma eine Gedenkfeier anlässlich des Tags zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Sinti und Roma werden an diesem Tag oft nur am Rande erwähnt, weswegen es der Anlaufstelle Pro Sinti&Roma der katholischen Seelsorgeeinheit Waldkirch ein dringendes Bedürfnis war, das gemeinsame Erinnern pandemiebedingt nicht abzusagen, sondern es trotzdem zu begehen.
Deportation von Sinti in Asperg im Mai 1940
Dies gelang in ungewohntem Rahmen online über eine Zoom-Konferenz, die 30 Teilnehmende mitverfolgten. Zentrum des Gedenkens war der hervorragende Vortrag über „Antiziganismus damals und heute“ von Gastrednerin Natascha Hofmann, die derzeit an der PH Freiburg zu dem Thema „Bildungsbiographien von Sintezza“ promoviert. Sie beschrieb eindrücklich die Entwicklung des Antiziganismus seit dem 15. Jahrhundert bis heute. Es wurde deutlich, wie schon im 19. Jahrhundert eine systematische Erfassung und Verfolgung der „Zigeuner“ begonnen und verzerrende Klischeebilder in das Gedankengut eingeschleust wurden.Schriftlich übermittelte Zeitzeugenberichte schilderten, wie später durch die Nationalsozialisten ganz gewöhnliche Sinti-Familien, beispielsweise aus Herbolzheim, aus dem Leben und Arbeiten heraus deportiert, in Konzentrationslagern gefoltert und ermordet wurden. Die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma war ein langwieriger Prozess und erfolgte erst 1982 durch Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Bedrückend war der Blick auf die Lage der Sinti und Roma heute, diezwar auf dem Papier als Minderheit anerkannt sind und über die allgemeinen Rechte verfügen. In der Realität erfahren sie jedoch weiterhin verbale und körperlicheAggressionen und werden nicht nur in den Westbalkanländern, sondern auch bei uns im Bildungs- und Arbeitsmarkt sowie gesellschaftlich diskriminiert. Selbst vor falschen Schuldzuweisungen an der Coronakrise bleiben Sinti und Roma nicht verschont.
In der angeregten Diskussionsrunde nach dem Ende des Vortrags, kam es zu interessanten Gesprächsbeiträgen, unter anderem durch die virtuell anwesende Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle sowie von Sean McGinley des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg.
Es kam die Frage auf, wie es sein kann, dass z.B. ganz aktuell die Nachfahren von Holocaustopfern, Roma-Familien, die sich teils seit Jahren und Jahrzehnten in Baden-Württemberg integrieren und sich ein Leben aufbauen, grundlos über Nacht abgeschoben werden? Warum nehmen wir unsere Verantwortung gegenüber diesen Menschen nicht wahr? Haben wir hier nicht aus unserer Geschichte gelernt?
Konsens herrschte darüber, dass Sinti und Roma eine Lobby brauchen, dass die Politik Rahmenbedingungen schaffen muss, Wege aus der Diskriminierung zu ermöglichen und dass es auf jeden Einzelnen ankommt, seinem Gegenüber, gleich ob Deutschen, Sinti oder Roma auf Augenhöhe zu begegnen.