Geschichte der Stadtkapelle

 

1336

Ich, die Stadtkapelle, wurde Anno Domini 1336 erbaut zu Ehren "Unserer Lieben Frau". Eingeweiht wurde ich am Sonntag nach Johann Baptist und feiere nun jedes Jahr an diesem Tag Kirchweih. Heute bin ich die älteste Kirche unserer Stadt, aber vor mir gab es schon Kapellen und Kirchen, die viel älter waren als ich, aber was ist: alle fort, verfallen, zerstört, abgebaut.

Die Stadtmauer wurde 1287 um die neue Stadt gebaut. Dann kam ich, direkt an der Mauer wurde ich errichtet, das war ein Fest! Die Bürger lebten nun in unsicheren Zeiten in größerer Sicherheit. Die anderen Kirchen lagen ja weit vor den Toren der Stadt. Nun konnten die Bürger die heilige Messe ohne Gefahr feiern, und sie hatten es auch nicht mehr so beschwerlich bei Schnee und Eis oder Sturm und Regen.

1618

Als dann der 30-jährige Krieg begann und die deutschen Lande verwüstete und unsere Stadt auch nicht verschonte, suchten die Menschen Schutz und Trost in meinen Mauern, wo die Menschen weinten und viel beteten. Nirgendwo kam soviel Volk zusammen wie in der Kirche. Dies machte sich auch die weltliche Obrigkeit zunutze und verkündete immer nach der Sonntagspredigt vom Lettner aus die weltlichen Wichtigkeiten der Stadt.

1732

Eines Tages geschah mir etwas ganz Wunderbares. In feierlicher Prozession wurden mir das Allerheiligste, die Reliquien und die heiligen Gefäße der Walburgakirche überbracht. Der Grundstein für die Margarethenkirche war gelegt, und am nächsten Tag schon wurde die alte Kirche dem gottesdienstlichen Gebrauch entzogen. Jetzt durfte ich für die gesamte Bauzeit als einzige Kirche dienen. Das war eine große Zeit für mich.

Weil die Menschen die Hoffnung nie aufgaben und ihren Glauben bewahrten, kamen sie durch alle schweren Zeiten.

1845

Ich erlebte wieder eine große Freude, ich bekam eine neue Orgel. Nur schade, dass es nicht die von Ignaz Bruder war, der zweimal nach Waldkirch kam, um sie anzubieten, aber nein, es wurde eine billige gekauft, mit handbetriebenem Blasebalg. Die taugte nun wahrlich nicht viel, und schon wenige Jahre später musste sie durch eine neue ersetzt werden. 1894 war die von dem Waldkircher Orgelbaumeister Anton Kiene neu gebaute Orgel fertig, und viele Jahre ertönte sie zur Freude aller Kirchenbesucher. Doch im Ersten Weltkrieg wurden ihr die Prospekte aus Zinn weggenommen. Die Orgel wurde in der Folgezeit wenig gespielt und vergammelte immer mehr.

Mit den Jahren bekam ich meine Runzeln, und immer wieder musste etwas repariert und saniert werden, um die alte, finstere Kapelle luftig und hell zu machen.

1931

Jetzt war es wieder einmal soweit. Ich war zu einem Gotteshaus verkommen, das diesen Namen nicht mehr verdiente und nicht mehr zum Beten einlud. Die älteste Kapelle war schon oft zum Nothelfer geworden. Sie wollte man nicht abreißen, das war mein Glück. Es gab einen großen Appell an die Bürger in dieser schweren Zeit, mit ihren Spenden mitzuhelfen, um mich zu erhalten. Das gelang auch tatsächlich und zeigte mir, dass die Bürger mich liebten. Schöne Gemälde schmückten mich, und nachdem die Sanierung abgeschlossen war, kam 1938 noch der Kreuzweg des Künstlers Georg Scholz dazu.

1933

Drohende Wolken zogen dann noch einmal auf, nachdem der Erste Weltkrieg schon viel Leid und Elend gebracht hatte. Wie gut, dass meine Sanierung abgeschlossen war, denn jetzt hätte ich wohl keine Chance mehr gehabt. Orgelmusik erklang immer weniger, dafür schmetterten Musikkapellen ihre lauten Melodien durch die Straßen. Es geschah viel Unrecht von den Mächtigen in jenen Tagen, und Kritik konnten die Mächtigen nicht vertragen. Trotzdem wurde von mutigen Seelsorgern das Unrecht beim Namen genannt. Am liebsten hätten die Braunen alle Kirchen abgerissen oder wenigstens geschlossen, aber das ließen die Menschen nicht zu. An Fronleichnam gab es immer noch die große Prozession durch die Stadt mit vielen blumengeschmückten Stationen, auch vor meinem Tor. Diese Prozessionen waren mutige, aber friedliche Demonstrationen. So wurde auch in diesen unseligen Zeiten der Glaube von aufrechten Christen weiter getragen.

2008

Renovierung der Stadtkapelle

Einweihung der Stadtkapelle nach der Renovierung am 7. Dezember 2008 mit einer Eucharistiefeier. Von links: Pfarrer Hermann Schmid und die früheren Waldkircher Pfarrer Heinz Vogel, Hubert Leuser und Josef Dosch.


Genau 673 Jahre bin ich alt, genau? Manche schrieben, ich sei 14 Jahre älter, aber was macht das schon aus? Wir Kirchen und Kapellen haben ja eine ganz andere Lebenserwartung als ihr Menschen.

Lange vor euch allen war ich schon und werde noch lange nach euch sein, wenn ihr mich weiter so gut behandelt. Ja, schaut mich nur an! Wo sind meine Runzeln, mein morsches, hölzernes Knochengebälk geblieben?

2009 / 2010

Offene Stadtkapelle

Einweihung der Offenen Stadtkapelle am 3. Juli 2009.

 

Jetzt sind meine Türen Samstag für Samstag weit geöffnet, aber auch sonst sind meine Türen aufgeschlossen.

Menschen besuchen mich, auch solche, die ich noch nicht kenne. Viele schauen mal herein, manche vorsichtig, neugierig. Andere kommen, um hier zu beten oder um für einen Augenblick andächtig zu sich selbst zu kommen. Einige erinnern sch an frühere Zeiten, als sie als Kinder noch regelmäßig hier waren. Andere haben Fragen oder suchen das Gespräch.

Regelmäßig finden jetzt Meditationen und spirituelle Angebote statt, werden Veranstaltungen durchgeführt, Ausstellungen gezeigt und auf das kirchliche Leben hingewiesen. So stehe auch wieder öfters in der Zeitung und werde mehr wahrgenommen als lebendiger Ort mitten in Waldkirch

So zeigt sich erneut, dass die Opfer, die viele Menschen für mich und meinen Erhalt in den vielen Jahren meines Lebens brachten zum Segen für die Menschen und zum Lobpreis Gottes werden.

Mein Kircheninneres ist so schön wie nie zuvor und die Orgel! Von dem Urenkel Anton Kienes, dem Waldkircher Orgelbaumeister Wolfram Stützle, wurde sie von Grund auf restauriert und ist nun ein richtiges Juwel in der Stadtkapelle. Wieder einmal haben viele Waldkircher dabei geholfen und damit gezeigt, wie wertvoll ich ihnen bin. Jetzt wünsche ich mir, dass dieser wertvolle Raum mit viel Leben gefüllt wird.

Text: Evelyne Ganter

 

Der ehem. Waldkircher Pfarrer Heinz Vogel und Michael Gerber kurz vor seiner Bischofsweihe vor dem Seiteneingang zur Stadtkapelle am 6. September 2013. Der angehende Bischof machte auf seiner Wanderung von seiner Heimatstadt Oberkirch bis Freiburg in der Waldkircher Stadtkapelle Station.