Aber ich erlebe auch das Gegenteil. Bei Taufen oder Beerdigungen, in Schulgottesdiensten oder anderen Feiern, in denen manche das Vaterunser nur selten oder vielleicht gar nicht mehr beten. Dann gerät der gemeinsame Rhythmus ins Stocken. Die einen sind schneller, die anderen langsamer. Manche betonen anders, manche werden leiser oder verstummen ganz.
Früher hat mich das manchmal irritiert. Inzwischen merke ich: Gerade diese Momente machen mich aufmerksamer. Ich bete dann aufmerksamer. Ich spreche die Worte bewusster. Und ich nehme mehr wahr, wer neben mir betet.
Mein Beten braucht beides: den Gleichklang, der verbindet, und die Aufmerksamkeit füreinander. Der Gleichklang allein genügt nicht. Zum Beten gehört auch die Achtsamkeit füreinander. Wer offen bleibt für die unterschiedlichen Stimmen, entdeckt etwas von dem, was Kirche ausmacht: Menschen mit ganz verschiedenen Erfahrungen und Glaubenswegen beten dieselben Worte – und wenden sich gemeinsam an denselben Gott.
Mit diesem Gedanken stört mich ein holpriges Vaterunser weniger als früher. Es erinnert mich daran, dass ich nicht allein bete. Das erste Wort heißt schließlich nicht „Mein“, sondern „Unser“. Wer „Unser Vater“ betet, stellt sich an die Seite anderer Menschen – der Vertrauten ebenso wie der Suchenden, Distanzierten oder Unsicheren. Entscheidend ist nicht, dass alle denselben Takt finden, sondern dass wir gemeinsam unseren Blick auf Gott richten.
Christoph Gairing, Diakon