Identifikationsfigur

06.11.2025 | Wort für die Woche

Kommenden Dienstag feiern wir den Gedenktag des Heiligen Martin von Tours. Wenn ich an St. Martin denke, sehe ich sofort Bilder aus meiner Kindheit vor mir.
Ich lief durch die Dunkelheit, in der einen Hand meine Laterne, in der anderen die Hand meiner Mutter. Um mich herum viele Menschen. Dieses Gefühl – gemeinsam unterwegs zu sein und sich geborgen zu fühlen – hat sich mir tief eingeprägt.

Martinsfeier vor St. Margarethen
Für mich begann an diesem Tag immer auch schon ein bisschen die Vorweihnachtszeit. Und ganz falsch war meine kindliche Intuition gar nicht: In der westlichen Kirche begann der Advent bis 1917 tatsächlich am 11. November. Im ambrosianischen Ritus, etwa im Erzbistum Mailand, ist das bis heute so: Advent beginnt am ersten Sonntag nach St. Martin.
Auch heute erlebe ich noch, wie St. Martin viele Menschen verbindet.

In Waldkirch kommen jedes Jahr Hunderte zum Martinsumzug und -spiel der Pfadfinder zusammen, gehen gemeinsam durchs Städtle und spüren: Es tut gut, miteinander unterwegs zu sein.
 
Was viele nicht wissen: Martin war der erste Heilige, der nicht wegen seines Martyriums verehrt wurde, sondern wegen seines Lebens. Wegen seiner Haltung. Wegen seiner Barmherzigkeit. Er hat geteilt, weil er gesehen hat, dass jemand etwas braucht. Er hat Verantwortung übernommen, auch wenn er nicht wusste, was es ihm einbringt – oder ob es vielleicht sogar Ärger gibt. Das macht ihn für mich so modern.
Martin ist nicht in erster Linie eine perfekte Figur, sondern besonders eine Identifikationsfigur. Viele Menschen können „etwas mit ihm anfangen“.
 
Und ich merke: Solche Menschen brauchen wir auch heute.
Menschen, an denen wir uns auf- und ausrichten können, weil sie zeigen, wie Leben in Gemeinschaft gelingen kann. Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die hinschauen. Die nicht warten, bis alles geregelt ist oder sie sicher wissen, wie es ausgeht.
 
Ich bin dankbar für mutige Menschen wie Martin – damals und heute.
Und ich wünsche mir, dass wir immer wieder Menschen in unserer Kirche erleben – im Großen wie im Kleinen –, an denen andere sich orientieren können.
 
Christoph Gairing, Diakon