Heiliges Grab in der Stiftskirche St. Margarethen

Eine szenische Auseinandersetzung mit Tod und Auferstehung Jesu

Von Peter Zürcher
 
Auf eine uralte Tradition greifen die Darstellungen des Heiligen Grabes zurück, die in der Kar- und Osterwoche in vielen katholischen Kirchen zu sehen sind – so auch in der Stiftskirche St. Margarethen in Waldkirch. Eine Inszenierung des Leichnams Jesu in einer Grabnische vor Ostern und das Meditieren des leeren Grabes, das mit Blumen geschmückt ist, laden zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der biblischen Osterbotschaft ein. Ans Grab Jesu gehen bedeutet in diesen Tagen auch, darüber nachzudenken, wie im eigenen Alltag Abschied und Verlust, Tod und Trauer, Auferstehung und neues Leben – im Kleinen wie im Großen – erlebt und verarbeitet werden.

Menschen haben sich immer mit dem Grab Jesu auseinandergesetzt. Die Überlieferung der Evangelien endete ursprünglich mit dem Bericht der Kreuzigung. Zu den frühesten Bekenntnistexten und weiterführenden Erzählungen gehören dann aber bereits die Grablegung (so schon Paulus im Korintherbrief) sowie der Besuch der Frauen am Grab Jesu und ihre Begegnung mit dem Auferstandenen. Schon aus dem 4. Jahrhundert ist überliefert, dass es in der Grabeskirche in Jerusalem einen eigenen Wortgottesdienst mit dem Ritus gab, das Evangelium von der Grablegung und Auferstehung zu rezitieren. Die Pilgerin Egeria erzählt davon in ihrem Pilgerbericht (um 380).
Daraus hat sich in der gesamten Christenheit der Brauch entwickelt, an einer Nachbildung des Grabes Jesu zu beten: mit der rituellen Grablegung einer Holzfigur des Leichnams Jesu am Karfreitag, im persönlichen Gebet am Karfreitag und Karsamstag vor der Grabnische, in der die Holzfigur sichtbar ist, ab Ostersonntag schließlich vor dem leeren Grab, das mit Leinenbinden und Blumen ausgeschmückt ist, als Sinnbilder der Auferstehung. Das Heilige Grab ist während der Kartage der einzige geschmückte Ort in den Kirchen, oft mit Lichtampeln aufwändig illuminiert. Hier wurde außerdem die Eucharistie verehrt, indem das Ziborium (Speisekelch mit den gewandelten Hostien) im Heiligen Grab verwahrt und gezeigt wurde.
 
Der Heilig-Grab-Ritus wird auch heute noch in der Stiftskirche gepflegt. Aber erst im Zuge der vorletzten Kirchenrenovierung wurde die dazu notwendige Nische im linken vorderen Seitenaltar geschaffen, indem man den gemauerten Altarunterbau ausgehöhlt hat. Erstmalig beim Osterfest 1956 wurde das Heilige Grab in der heute üblichen Weise inszeniert. Das Jahr über ist die Nische hinter der Holzverblendung des Barockaltars verborgen, die für die Kar- und Ostertage einfach abmontiert werden kann – ein kleines Schreinerkunstwerk, das bereits beim Altarbau kurz nach 1740 so ermöglicht wurde!


Liturgie der Karwoche im Kollegiatstift St. Margarethen


Die Karwoche ist der dramatische und feierliche Höhepunkt des Kirchenjahres: Ausgehend vom Bekenntnis zu Tod und Auferstehung Jesu hat sich das Christentum entwickelt. Dieses Bekenntnis wird in einer aufwändigen, ergreifenden Liturgie gefeiert. Spannend ist ein Einblick in die Art und Weise, wie zur Zeit des Kollegiatstifts die Karwoche strukturiert war. Ihren Auftakt nahm die Woche am Samstag vor Palmsonntag mit der Beichte aller Schulkinder ab 13.00 Uhr. Der Palmsonntagsgottesdienst war mit der Feier der Erstkommunion verbunden. Überliefert ist auch für die Barockzeit der heute noch übliche Brauch der großen Palmen – auch wenn sie damals noch deutlich höher waren! Der Liturgie stand in der ganzen Woche der Stiftsdekan als Pfarrer von Waldkirch vor. Die Wochentage waren durchgängig von Beichtzeiten geprägt, die viel nachgefragt wurden. Am Abend wurde jeweils das feierliche Stundengebet gehalten. Entgegen der heutigen Vorschrift, dass am Gründonnerstag nur ein Abendmahlsgottesdienst stattfinden darf, wurden damals mehrere Heilige Messen den ganzen Tag über gefeiert. Nachmittags um 16.00 Uhr wurde die Komplet gebetet und es fand die Altarwaschung statt – ein Ritus, der bereits im Mittelalter überliefert ist. Der Karfreitag begann um 7.00 Uhr mit dem Stundengebet und anschließender Karfreitagsliturgie. Um 11.30 Uhr begann dann das Passionsspiel, eine szenische Darstellung des „bitteren Leiden Christi Jesu auf dem dazu bereitsten Gerüst“ durch verschiedene Akteure, begleitet von Musik! Zunächst wurde die „Comedie von dem bietteren leyden und Todt Jesu Christi“ aufgeführt. Anschließend war um 13.00 Uhr eine Prozession „das bittere Leiden vorstellend“. 1756 wurden die teilnehmenden Reiter ernsthaft ermahnt, sich vom „Sprengen“ zu enthalten, damit niemand durch die Pferde zu Schaden komme! Die Prozession führte an den Kapellen des Stiftsbezirks und der Stadt vorbei. Am Karfreitagabend gab es schließlich noch Trauermusik am Heiligen Grab. Am Karsamstag fand bereits um 7.00 Uhr die Feuer-, Holz- und Ostertaufwasserweihe statt, danach Hochamt mit entsprechender Kirchenmusik, abends um 19.00 Uhr feierliches Stundengebet. Den ganzen Tag über war das Allerheiligste ausgesetzt. Die Figur des Auferstandenen – „die glorreiche Urständ wird vorgestellt“ – ist das zentrale Andachtsbild, mit dem das Festgeheimnis illustriert wird. Am Ostersonntag wurde ein levitiertes Hochamt mit dem Stiftspropst und Orchestermesse gefeiert. Nachvollzogen werden kann diese Gottesdienstordnung deshalb so gut, weil sich im Pfarrarchiv die Verkündbücher des 18. Jahrhunderts erhalten haben, in denen die Gottesdienstzeiten und -abläufe beschrieben sind.